Zwischen März 2024 und Juni 2025 hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitzins schrittweise von 1,75% auf 0% gesenkt. An ihrer letzten vierteljährlichen Sitzung im Jahr 2025 beschloss sie, diesen Zinssatz bei 0% zu belassen.
Welche wirtschaftlichen Motive verfolgt die SNB?
Anhaltend niedrige Inflation
Die Inflation in der Schweiz bleibt sehr moderat und hat keinen signifikanten Anstieg verzeichnet. Aktuelle Prognosen schätzen sie auf rund 0,3%, ein Niveau, das voraussichtlich stabil bleiben wird. In den letzten Monaten lag die Inflation sogar unter den Erwartungen. Vor diesem Hintergrund ist eine Zinserhöhung aus Sicht der Preisstabilität nicht gerechtfertigt.
Zinssätze dienen der Steuerung der Wirtschaft: Steigen sie, verteuern sich Kredite, was den Konsum und die Investitionen dämpft. Eine geringere Nachfrage führt zu einer Stabilisierung der Preise und bremst die Inflation. In der aktuellen Situation, in der die Nachfrage keinen Preisdruck ausübt, besteht daher keine Notwendigkeit, die Zinsen zu erhöhen; sie können auf einem niedrigen Niveau verbleiben.
Unterstützung der wirtschaftlichen Aktivität und der Exporte
Der Schweizer Franken ist aufgrund seines Status als sichere Anlage strukturell stark. Diese Aufwertung verteuert Schweizer Waren und Dienstleistungen im Export und schmälert damit die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen auf den internationalen Märkten. Dieser Effekt wird durch eine Abschwächung der globalen Konjunktur verstärkt, die die Auslandsnachfrage begrenzt.
Angesichts dieser Rahmenbedingungen hält die SNB den Leitzins niedrig, um die wirtschaftliche Aktivität in der Schweiz zu stützen. Niedrige Zinssätze senken die Kreditkosten, erleichtern die Finanzierung von Unternehmensinvestitionen und regen den Konsum der privaten Haushalte an. Durch die Senkung der Finanzierungskosten zielt die Geldpolitik darauf ab, die negativen Effekte eines starken Frankens auszugleichen und das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren.
Folgen für Personen, die Wohneigentum erwerben möchten
Steigende Nachfrage
Die Senkung des Leitzinses schafft günstige Finanzierungsbedingungen für den Immobilienmarkt, da sie sich auf die von den Banken angebotenen Hypothekarzinsen auswirkt. Sinkt der Leitzins, können sich die Banken günstiger refinanzieren und Kredite zu niedrigeren Zinssätzen vergeben, was die monatlichen Belastungen und die Gesamtkosten des Darlehens reduziert. Hypothekarkredite werden dadurch für Haushalte, die eine Immobilie erwerben möchten, besser zugänglich.
Gleichzeitig begrenzen niedrige Zinssätze die Erträge klassischer Sparformen wie Sparkonten oder risikoarmer Anlagen. In diesem Umfeld erscheint Immobilienbesitz als relativ sichere und nachhaltige Anlageform, die vor einem Wertverlust des Vermögens schützt. Diese Kombination führt zu einer zusätzlichen Belebung der Wohnraumnachfrage.
Risiko steigender Preise
Steigt die Nachfrage schneller als das Angebot – insbesondere bei begrenzter Bautätigkeit –, verschärft sich der Wettbewerb unter den Käufern. Bei einer begrenzten Anzahl verfügbarer Objekte konkurrieren mehrere Interessenten miteinander, was den Preisdruck nach oben erhöht, insbesondere in bereits angespannten Märkten.
Direkte Unterstützung der Schweizer Haushalte
Für Haushalte, die Wohneigentum erwerben oder in Mietimmobilien investieren möchten, erleichtern niedrige Zinssätze den Zugang zur Finanzierung und senken die Gesamtkosten der Kreditaufnahme. Dadurch wird der Erwerb von Wohneigentum erschwinglicher, auch in stark urbanisierten und nachgefragten Regionen wie Zürich, Genf oder Lausanne.
Folgen für Eigentümerinnen und Eigentümer
Potenziell günstigere Hypothekarkredite
Ein niedriger Leitzins ermöglicht es den Banken, Hypotheken zu vorteilhafteren Konditionen anzubieten, wodurch sich die Finanzierungskosten für Immobilieneigentümer reduzieren.
Unterschiedliche Auswirkungen auf variable und feste Zinssätze
Die Senkung des Leitzinses wirkt sich rasch auf kurzfristige Hypothekarzinsen aus. Haushalte mit variablen Hypotheken profitieren daher nahezu unmittelbar von niedrigeren monatlichen Belastungen.
Für Kreditnehmende mit Festzinshypotheken eröffnet diese Situation strategische Möglichkeiten, insbesondere bei Vertragsverlängerungen oder Umschuldungen, um günstigere Konditionen zu erzielen. Laut Einschätzungen von Ökonomen hat der Markt die Phase der Nullzinsen bereits weitgehend eingepreist, sodass kurzfristig keine wesentlichen Zinsänderungen erwartet werden. Dies kann variable Hypotheken besonders attraktiv machen.
Langfristige Festzinsen reagieren hingegen langsamer, da sie bereits Markterwartungen berücksichtigen. Insgesamt erhöht das anhaltende Niedrigzinsumfeld jedoch die Attraktivität der Hypothekarfinanzierung und stützt die Nachfrage am Immobilienmarkt.
Wertsteigerung von Immobilien
Die Senkung des Leitzinses auf 0% ging mit einer steigenden Nachfrage nach Wohneigentum und mit Preissteigerungen in besonders gefragten Regionen einher. Für bestehende Eigentümer bedeutet dies eine Wertsteigerung ihrer Immobilie „auf dem Papier“ sowie ein höheres Gewinnpotenzial im Falle eines Verkaufs. Gleichzeitig erhöhen sich die Markteintrittsbarrieren für zukünftige Käufer, insbesondere in Städten und Agglomerationen mit begrenztem Wohnungsangebot.
Zu berücksichtigende Risiken
Die anhaltend sehr günstigen Finanzierungsbedingungen bergen auch Risiken. Je günstiger Kredite bleiben, desto grösser ist für einige Haushalte die Versuchung, sich über ihre langfristigen finanziellen Möglichkeiten hinaus zu verschulden.
Im Falle einer konjunkturellen Verschlechterung oder eines größeren wirtschaftlichen Schocks könnte der Druck auf Banken und Pensionskassen zunehmen. Langfristig könnte dies die Kreditvergabe und die Vorsorgeleistungen beeinträchtigen, mit indirekten Auswirkungen auch für Immobilieneigentümer.
Folgen für Mieterinnen und Mieter
Entwicklung des hypothekarischen Referenzzinssatzes
In der Schweiz sind die Mieten an den hypothekarischen Referenzzinssatz gekoppelt, der vierteljährlich auf Basis der durchschnittlichen Hypothekarzinsen berechnet wird. Sinkt dieser Zinssatz, können Vermieter verpflichtet sein, die Mieten zu senken. Aktuellen Schätzungen zufolge könnten Mieterinnen und Mieter dadurch Einsparungen von rund 2 bis 3% ihrer Miete erzielen.
Diese Anpassung erfolgt jedoch nicht unmittelbar, da sie von der nächsten offiziellen Veröffentlichung des Referenzzinssatzes abhängt. Eine von der SNB beschlossene Zinspause führt daher nicht sofort zu sinkenden Mieten, stabilisiert jedoch den Trend und reduziert kurzfristig das Risiko unerwarteter Mietzinserhöhungen infolge steigender Finanzierungskosten. Für Vermieter bedeutet dies eine bessere Planbarkeit, während der Spielraum für Mietzinserhöhungen begrenzt bleibt.
Folgen für Investoren
Sinkende Erträge aus Sparanlagen
Die Senkung der Leitzinsen wirkt sich direkt auf die Renditen traditioneller Sparprodukte aus. In der Schweiz weisen Sparkonten derzeit Renditen von rund 0,5% auf, was nicht ausreicht, um den realen Wert des Kapitals langfristig zu erhalten. Vor diesem Hintergrund sind viele Investoren bestrebt, ihr Vermögen stärker zu diversifizieren.
Immobilien erweisen sich dabei als attraktive Alternative, da sie relativ stabile Erträge, langfristige Wertbeständigkeit und den Charakter eines Sachwerts vereinen. Aktien und Anleihen können als Ergänzung zur Portfolio-Diversifikation dienen.
Günstiges Umfeld für Immobilieninvestitionen
Flexible Finanzierungsbedingungen erhöhen die Attraktivität von Immobilieninvestitionen sowohl für inländische als auch für internationale Investoren. Die Senkung der Kapitalkosten ermöglicht strategische Akquisitionen zu günstigeren Bedingungen. Besonders gefragt bleiben Immobilien in Regionen mit strukturell hoher Mietnachfrage.
Wohn- und Gewerbeimmobilien
Wohnimmobilien gelten weiterhin als sichere Anlage. Kurzfristig können die Renditen aufgrund möglicher Mietanpassungen leicht unter Druck geraten, doch das langfristige Wertsteigerungspotenzial bleibt ein zentraler Faktor für Investoren.
Auch Gewerbeimmobilien, insbesondere in urbanen Zentren und Entwicklungsquartieren, bieten interessante Perspektiven für Kapitalanleger, die Stabilität und planbare Erträge suchen.
Welche Faktoren könnten die Zinsentwicklung beeinflussen?
Der wichtigste Unsicherheitsfaktor bleibt das internationale Umfeld, insbesondere die Entwicklung der globalen Märkte sowie geopolitische oder handelspolitische Risiken.
Für das Jahr 2026 wird das Wachstum der Schweizer Wirtschaft auf rund 0,9% geschätzt, ein Wert unter dem langfristigen Durchschnitt. Ein mögliches Zollabkommen könnte die Risiken einer wirtschaftlichen Abschwächung jedoch abmildern.
In diesem Umfeld moderaten Wachstums und externer Unsicherheiten erscheinen weitere Zinssenkungen wenig wahrscheinlich, während auch eine Zinserhöhung kurzfristig kaum zu erwarten ist.
Schlussfolgerung
Zukünftige Eigentümerinnen und Eigentümer
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Niedrige Hypothekarzinsen erleichtern den Zugang zur Finanzierung.
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Die hohe Nachfrage bei begrenztem Angebot kann jedoch den Preisdruck aufrechterhalten, insbesondere in urbanen Gebieten.
Bestehende Eigentümerinnen und Eigentümer
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Geringere Finanzierungskosten entlasten die Hypothekarbelastung.
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Die Immobilienwerte werden weiterhin durch einen dynamischen Markt gestützt.
Mieterinnen und Mieter
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Sinkende Zinsen begünstigen eine Stabilisierung oder leichte Senkung der Mieten mit zeitlicher Verzögerung.
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Das Risiko rascher Mietzinserhöhungen bleibt kurzfristig begrenzt.
Investoren
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Niedrige Sparrenditen erhöhen die Attraktivität von Immobilieninvestitionen.
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Die langfristigen Perspektiven bleiben günstig, auch wenn die Mietrenditen teilweise unter Druck stehen.
Quellen
raiffeisen.ch - Article
rts.ch - Article
ubs.com - Article
swisslife.ch - Article
bernard-nicod-ch - Article